Joggerin Kimi Schreiber in Sportkleidung in einem Wohnzimmer

Interview mit Kimi Schreiber

Berge im Kopf

Kimi Schreiber ist professionelle Trailrunnerin, läuft regelmäßig an die Spitze der großen Rennen – und lebt in der Großstadt München. Unter ihren Kolleginnen und Kollegen bildet sie damit eine Ausnahme, die meisten haben ihren Lebensmittelpunkt in den Bergen. Hier erklärt die München-Botschafterin, weshalb es für sie keine bessere Trailrunning-Stadt als München gibt – und wie es sich anfühlt, mit Krämpfen ein 80-Kilometer-Rennen zu finishen. 

Trailrunning boomt. Wie erklären Sie sich die neue Popularität Ihrer Sportart?

Ich glaube, es gibt dafür zwei Gründe: Zum einen merken viele junge Sportler und Sportlerinnen, dass die Professionalität stark zunimmt. Marken investieren Geld ins Trailrunning, und so wird es mitunter möglich, seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen. Das ist im Profisport nicht immer einfach. 

 

Und der zweite Grund?

Ist der Wunsch nach Selbstverwirklichung. Danach, auf eine Reise zu sich selbst zu gehen und Extreme kennenzulernen. Auch für mich ist Laufen vor allem eine Rückzugsmöglichkeit zu mir selbst. Deshalb kann ich das sehr gut nachvollziehen, wenn Leute sagen: „In der Natur laufen – so lange und so weit ich will –, das macht einen Riesenspaß!“.

„In der Natur laufen – so lange und so weit ich will –, das macht einen Riesenspaß!“

Mit sich allein ist man auch beim klassischen Straßenlauf. Also ist es das Naturerlebnis, das Trailrunning so attraktiv macht?

Straßenlauf ist extrem hart. Man läuft und läuft – und trotzdem kommt der Horizont nie näher. Man ist die ganze Zeit gefangen in der immer gleichen Schrittfolge.

Über Ihre Teilnahme bei „Les Templiers“, dem ältesten und prestigereichsten Trailrennen Frankreichs mit einer Distanz von mehr als 80 Kilometern und einem Anstieg von 3.500 Höhenmetern, schrieben Sie: „Die ersten 40 Kilometer liefen wunderbar, dann wurde es doch etwas zäh.“ Da klingt es vergleichsweise entspannt, 42 Kilometer auf flachen Straßen zu laufen.

(lacht) Wenn ich mich richtig erinnere, liefen sogar die ersten 50 Kilometer super. Dann habe ich leider Krämpfe bekommen – und dann wird es natürlich zäh, wenn man noch 30 weitere Kilometer vor sich hat. Die ersten zwei Stunden läuft man bei „Les Templiers“ im Dunkeln, dadurch vergeht die Zeit komischerweise noch schneller. Also ja: Es kann wirklich passieren – gerade bei einem Rennen –, dass es einfach läuft. Und dann vergehen selbst sehr lange Distanzen wie im Flug.

 

Den berühmten Flow-Zustand, den alle immer anstreben, erreicht man beim Trailrunning also leichter als im Straßenlauf? 

Das würde ich so nicht sagen. Es geht häufig sogar eher etwas unter, wie brutal Trailrunning als Ausdauersport ist. Ich bin immer wieder auf den schönsten Trails unterwegs – und frage mich trotzdem, was ich hier eigentlich mache. Deswegen fühlt es sich nicht ganz richtig an, Trailrunning nur als den schönen, abwechslungsreichen großen Bruder des Straßenlaufs zu beschreiben. Aber es stimmt, dass man mehr spielen kann: Mal geht es hoch, mal runter. Mal durch den Wald. Über unterschiedliche Untergründe. Das finden viele schöner, als nur knallhart auf den Asphalt einzudreschen.

Video: Viertelliebe-Botschafterin Kimi Schreiber

Wie sieht Ihr Trainingsalltag aus?

Das kommt darauf an, in welcher Trainingsphase ich mich befinde und wann der nächste Wettkampf ansteht. Meistens trainiere ich zwei Mal am Tag, entweder mit einer oder zwei Laufeinheiten, je nachdem, ob ein Krafttraining ansteht. Am Wochenende mache ich einen Longrun, diese Woche zum Beispiel vier Stunden. So komme ich auf etwa 15 bis 20 Trainingsstunden in der Woche. 

Wo gehen Sie laufen? 

Fast ausschließlich auf den Isartrails, also den schmalen Wegen entlang des Flussufers im Münchner Süden. Wenn ich das in meiner Branche erzähle, finden das alle immer sehr bemerkenswert. Es kommen dann Fragen wie: Ist das nicht langweilig? Oder: Wo sind denn da die Berge? Aber tatsächlich fahre ich sehr wenig in die Berge, obwohl die nicht weit weg wären. Ich drehe einfach am liebsten jeden Tag dieselben Runden entlang der Isar. So decke ich 80 Prozent meines Lauftrainings ab. Den Rest mache ich über Laufband und Stairmaster. 

 

Warum drehen Sie immer die gleichen Runden? 

Wenn ich eine Strecke in- und auswendig kenne, kann ich mich komplett in meinen Kopf verziehen. Ich brauche mir nicht zu überlegen, wohin ich laufen muss. Ich weiß, wann ich umdrehen muss, um auf eine bestimmte Kilometerzahl zu kommen. Ich muss mich nicht auf technische oder gefährliche Streckenabschnitte einstellen. Ich genieße es wirklich sehr, auf diese Weise in einen Trott zu kommen – weil ich so wiederum in meinen Kopf abhauen kann.

„Ich genieße es wirklich sehr, auf diese Weise in einen Trott zu kommen – weil ich so wiederum in meinen Kopf abhauen kann.“

 

Und die Isartrails bieten ausreichend Trainingsimpulse für eine Profitrailrunnerin?

Für mich auf jeden Fall. Zwar brauche ich schon ein Fitnessstudio, wo ich auf dem Laufband mit Steigung trainieren kann. Aber die Kombination mit Laufband und Stairmaster – einem Gerät, mit dem man endlos Treppen steigen kann – erlebt in der Szene gerade sowieso einen totalen Hype. Und komplett ohne Berge trainiere ich auch nicht. Ein paarmal im Jahr fahre ich für mehrere Wochen zum Training in die Berge. Aber für den Erfolg an der Weltspitze sind für mich andere Faktoren entscheidender. Das hat mir auch meine Zeit in 
Chamonix gezeigt. 

Chamonix gilt als ein Mekka des Trailrunnings. 

Ja, die Trainingsbedingungen dort sind perfekt. Man hat eine schier endlose Anzahl von idealen Trails direkt vor der Haustür. Man kann jederzeit auf der Aschenbahn ein paar Runden drehen. Und auch die sonstige Infrastruktur ist perfekt auf Läuferinnen und Läufer ausgelegt. Trotzdem hatte ich eine meiner schlechtesten Saisons, als ich 2023 dort lebte.

 

Weshalb?

Ich habe mich dort einfach nicht so zu Hause gefühlt und hatte deshalb mental eine schwierige Phase. Dann können die Trainingsbedingungen noch so toll sein: Wenn man nicht glücklich ist, klappt es auch mit dem Training nicht. In München fühle ich mich wohl – und kann deshalb perfekt trainieren. Das ist für mich so viel wichtiger als die steilsten Trails. 

 

Gibt es einen Streckenabschnitt auf den Isartrails, den Sie besonders lieben?

Mein Lieblingsloop beginnt in Thalkirchen und geht entlang der Isar in Richtung Kloster Schäftlarn. Dann laufe ich auf der anderen Flussseite zurück und komme so auf etwas über 40 Kilometer. Wenn ich ein paar Treppen einbaue, sind darin auch etwa 700 Höhenmeter Anstieg enthalten. Das will mir immer keiner glauben, aber das ist locker möglich, wenn man zum Beispiel die Treppen nach Pullach einige Male hoch- und runterläuft. Selbst mein Coach, der in Davos lebt und mich hier noch nie besucht hat, unterschätzt das immer noch. Ich glaube, er denkt, ich wohne in Berlin und habe nur Beton und Häuser um mich herum.

Jetzt leben Sie auf der Prinz-Ludwigs-Höhe unweit der Isar, aber Sie haben auch schon in anderen Stadtvierteln in München gelebt. 

Ja, ich habe auch schon in der Dachauer Straße gelebt, außerdem am Rotkreuzplatz und im Westend – jeweils mit Olympiapark, Nymphenburger Schlosspark oder Westpark in der Nähe. Ich würde deshalb sagen, ich kenne jeden Stadtpark Münchens – und jeder hat seinen eigenen Reiz! Im Westpark – das wusste ich früher auch nicht – existieren zum Beispiel rundherum Trails. Der Olympiapark hat das Amphitheater, wo man auf den großen Stufen super trainieren kann. Und den riesigen Englischen Garten habe ich noch gar nicht genannt! 

 

Viele Profis im Laufsport trainieren auch auf der Aschenbahn. Spielt das auch bei Ihnen eine Rolle? 

Ja, dieses Training ist wichtig für die Schnelligkeit. Mein Fitnessstudio hat eine Bahn auf dem Dach mit einem fantastischen Blick über München. Das ist ziemlich cool, nur leider ist die Bahn nur 150 Meter lang. Dann drehe ich eben ein paar hundert Runden.

 

Was denkt man sich bei Runde sechs von 200? 

Das kommt ganz auf den Tag an. Mal fliegt auch eintöniges Training vorbei, mal vergeht die Zeit nicht. Aber ich mache das jetzt schon so lang, dass ich diese Momente kenne und darauf vorbereitet bin. Dann versuche ich, mich mit einem Podcast oder einer guten Playlist zu motivieren, oder teile das Training mental in Abschnitte ein. Mittlerweile habe ich da eine große Trickkiste. Und am Ende des Tages ist es eben auch mein Job – und der muss nicht immer nur Spaß machen.

Ist es vielleicht sogar ein Vorteil für Sie, dass Sie sich mit diesen Themen etwas stärker auseinandersetzen müssen? Oder anders gefragt: Können Sie Ihre mentale Stärke besser trainieren, weil Sie stärker dazu gezwungen sind, die urbanen Trainingsmöglichkeiten zu bespielen?

Der Riesenvorteil, den München für mich hat, ist die große Vielfalt. Die ermöglicht es mir, mich auch mal komplett aus dem Trailrunning rauszuziehen. Gestern war zum Beispiel so ein Tag, da konnte ich mich nicht so richtig motivieren. Deshalb bin ich ins Fitnessstudio geradelt. Allein die Fahrt dorthin – es war noch früh am Morgen, und ich konnte die Stadt beim Aufwachen beobachten – hat mir viel gegeben. Es ist für mich wirklich ein Geschenk, nicht immerzu von meiner Sportart umgeben zu sein. Würde ich am Marienplatz zehn Leute fragen, was Trailrunning ist, würden vermutlich vier antworten, dass sie noch nie davon gehört haben. Ich liebe das. Und dafür laufe ich auch gerne mal über ein paar Ampeln – und habe dafür weiterhin München als meinen Safe Space.

„Es ist für mich wirklich ein Geschenk, nicht immerzu von meiner Sportart umgeben zu sein.“

Welchen Tipp möchten Sie angehenden Trailrunnern geben? 

Sich nicht ständig zu vergleichen. Das ist nicht ganz einfach, denn mittlerweile wird auf Social Media jede Trainingseinheit breitgetreten. Aber es bringt wirklich nichts und macht nur unzufrieden mit der eigenen Leistung. Alles braucht seine Zeit, und jeder ist individuell. Und wenn man sich verrückt machen lässt und nicht bei sich ist, genießt man auch das Laufen viel weniger. Das ist schade, denn es ist ja wirklich eine schöne Sache. 

 

Ich las, dass Sie es als Kind gehasst haben, wandern zu gehen. Stimmt das?

(lacht) Ja, es ging mir wirklich nicht in den Kopf, wie es irgendjemandem Spaß machen könnte, einen Berg hoch- und wieder runterzugehen. Meiner Schwester ging es genauso. Aber meine Mutter war da sehr hartnäckig. Sie packte eine gute Brotzeit ein, und das war dann die Motivation für uns beide: zu gehen, bis es Essen gab. Im Nachhinein bin ich ihr natürlich sehr dankbar dafür, nicht zuletzt deshalb, weil ich dadurch ein Gefühl für den Berg bekommen habe. Ohne diese Grundlage hätte ich vielleicht nie mit dem Trailrunning begonnen.

 

 

Text: Nansen&Piccard; Fotos: Frank Stolle
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